Jürg Winkelmann, dipl. Architekt ETH/SIA/FSAI, erarbeitet in seinem 1994 gegründeten Architekturbüro in Murten mit seinem Team aus 9 Mitarbeitern innovative Lösungen mit dem Ziel, jedem Gebäude eine eigene, starke Identität zu geben. Unter seiner Federführung entstehen Objekte, die den Charakter der Region unterstreichen, indem sie Tradition und Gegenwart verbinden und sowohl die Bedürfnisse der Bauherrschaft als auch der Allgemeinheit berücksichtigen.

„Unser Ziel ist es, Gebäude mit einer Seele entstehen zu lassen, in denen man sich auf Anhieb heimisch fühlt.“

Herr Winkelmann, durch welche Einflüsse wurden Sie auf Ihrem beruflichen Weg geformt?

An der ETH Zürich waren wir eine sehr engagierte Gruppe um Miroslav Šik und Fabio Reinhart. Sie haben uns die Augen geöffnet und vermittelt, dass Architektur viele Gesichter und Nuancen hat. Es drehte sich nicht alles nur um die ganz grossen Vorbilder wie Le Corbusier oder Frank Lloyd Wright. Architektur beinhaltet viele Themen und Richtungen. Im Studium gab es intensiven Austausch untereinander und es haben sich Horizonte geöffnet mit Bildern und Stimmungen in einer Atmosphäre, die wirklich einzigartig war. Unter Šiks Professur befasste sich unsere Studentengruppe natürlich intensiv mit dem von ihm initiierten Thema der Analogen Architektur. Während des Studiums habe ich auch handwerklich auf Baustellen gearbeitet, was mir viele Einblicke in die Umsetzung verschafft hat.

„Bei der Gebäudetechnologie wird es einen Quantensprung geben. Da stellt sich die Frage, was braucht der Mensch wirklich?“

Welchen Einfluss haben neuartige Materialien und Technologien auf die Architektur?

Faszinierend finde ich, dass alte Materialien wieder neu entdeckt werden. Architektur mit Backstein zum Beispiel in alten Formaten, die neu aufgelegt werden. Auch neue Techniken im Umgang mit den Materialien eröffnen interessante Möglichkeiten. Zum Beispiel erweitern gefaltete Bleche, geschweisste und ausgeschnittene Formen das mögliche Spektrum der Fassadengestaltung.
Schwieriger ist es mit dem Einsatz von Photovoltaik und Solartechnik. Es gibt kaum ein Beispiel, wo diese Technik wirklich gut in das Gebäude integriert ist. Diesen Teilbereich halte ich für weniger interessant, denn hier steht nur die technische Seite im Vordergrund.
Wie in der Automobilindustrie, wo die Technologie im letzten Jahrzehnt einen enormen Entwicklungssprung vollzogen hat, wird es auch bei der Gebäudetechnologie im Hinblick auf die Bedienbarkeit einen Quantensprung geben. Da stellt sich aber die Frage: Lowtech oder Hightech? Was braucht der Mensch wirklich? Was ist sinnvoll und was ist lediglich eine vordergründige Verbesserung ohne wirklichen Nutzen?

Wir sind alle digital unterwegs, aber obwohl wir denken, das Leben wäre damit verbessert, haben wir dadurch manchmal letztendlich weniger Zeit zur Verfügung.

Gut geplant ist halb gebaut. Können Sie das bestätigen?

Unbedingt. Ein Projekt ist immer an bestimmte Phasen gebunden. Am Anfang des Entwurfsprozesses liegt der Fokus auf der städtebaulichen, räumlichen und funktionellen Organisation und der Materialisierung eines Gebäudes. Auch wenn man sehr viel bis ins Detail plant, gibt es bei der Umsetzung immer wieder Überraschungen. Auf dem Papier wird vieles vorbesprochen mit den ausführenden Unternehmen, aber durch die Schnittstellenproblematik müssen in der definitiven Ausführungsplanung umsetzbare Lösungen gefunden werden.

„Wir haben heute den quasipolitischen Auftrag, verdichtet zu bauen und müssen in baulicher Hinsicht einen Beitrag für die Gesellschaft leisten.“

Wo sehen Sie die Rolle des Architekten in der Gesellschaft?

Zu Beginn des 20. Jahrhundert bestand die Auffassung, dass der Architekt die Gesellschaft verändern müsse. Wir haben heute den quasipolitischen Auftrag, verdichtet zu bauen und müssen in baulicher Hinsicht einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Egal ob man einen öffentlichen Auftrag umsetzt oder ein Privathaus baut, man darf nicht nur das Gebäude als Objekt an sich betrachten, sondern muss auch den Einfluss, den es auf seine Umgebung hat, berücksichtigen. Wir sind bestrebt, mit einem öffentlichen Gebäude der Allgemeinheit einen Mehrwert zu schaffen. Dieser öffentliche Raum kann ein Platz, ein Park oder sonst ein interessanter Aussenraum sein. Wir wollen Orte gestalten, wo sich Menschen treffen können, wo es Spielflächen gibt und die Möglichkeit des Zusammenseins.

Was macht einen guten Architekten aus?

Ein Architekt sollte diesen oben erwähnten Ansprüchen gerecht werden. Wir müssen unterschiedliche, teilweise einander gegenläufige Anforderungen erfüllen. Wenn man aber allen gerecht werden will, ist das Ergebnis nicht zwingend gut. Es gibt immer verschiedene Lösungsansätze und Ideen. Schlussendlich ist die Angemessenheit ein wichtiger Gradmesser. Will man ein kohärentes Gebäude kreieren, ist es wichtig, alles auf einige wenige Themen zu reduzieren. Kohärenz bei einem Gebäude ist fast das Wichtigste, will man gute Architektur erschaffen. Unser Ziel ist es, Gebäude mit einer Seele entstehen zu lassen, mit einer speziellen Atmosphäre, in denen man sich auf Anhieb heimisch fühlt.

Woran messen Sie selbst Ihren Erfolg?

Ich möchte Spuren hinterlassen in Form von Gebäuden, die Selbstbewusstsein ausstrahlen, die sich qualitativ von der Umgebung abheben und schlussendlich von den Benutzern und von der Bauherrschaft angenommen werden. Zudem sollen sie auch für die Umgebung einen Mehrwert generieren.

„Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren und alles hinterfragen.“

Welches Projekt bedeutete für Sie bisher die grösste Herausforderung?

Nicht immer sind es die grossen Projekte, manchmal sind die ganz kleinen Aufgaben die schwierigsten. Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren und alles hinterfragen, ob es wirklich nötig ist. Die grösste Herausforderung bezüglich Komplexität und den Vorgaben her, aber auch wegen der örtlichen Situation und dem bebauten Kontext, war schlussendlich doch das Spital HFR Merlach Murten. Wir wollten erreichen, dass sich Patienten und Besucher einfach im Gebäude orientieren können, in einer angenehmen Atmosphäre mit Sicht auf den See, die Altstadt und die umgebende Landschaft.

Spital HFR Merlach Murten (Fotos: Jana Suter)

Einfamilienhäuser, Spital, Altersresidenz, Turnhalle. Ihr Schaffensgebiet ist sehr vielseitig. Was haben die von Ihnen realisierten Objekte gemeinsam?

Sicher die Auseinandersetzung mit dem Ort und der gestellten Aufgabe, mit den Bedürfnissen der Bauherrschaft. Wir versuchen, einem Gebäude eine starke Identität zu verleihen, eine eigene Seele. Wir verfolgen unseren Anspruch auf erkennbare Kohärenz, z.B. in der Reduzierung auf wenige Materialien und der Wahl der Farben. Auf den ersten Blick sehen die Objekte ganz unterschiedlich aus, aber gemeinsam ist ihnen die Vorgehensweise und die Umsetzung, um spezielle, attraktive Räume zu erschaffen.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Zur Zeit arbeiten wir an einer grösseren Überbauung von neun Mehrfamilienhäusern mit einem dreiecksartigen Gebäudegrundriss (99 Wohnungen). Die Ausschreibung wurde als Wettbewerb gestaltet und wir haben den ersten Preis gewonnen. Das Projekt liegt vor den Toren der Altstadt von Murten. So sind wir gefordert, am Rand dieses historischen Kontexts eine Überbauung zu erstellen, die der geforderten Dichte und den Anforderungen des revidierten Raumplanungsgesetzes entspricht und gleichzeitig qualitativ hochstehende Wohnungen bietet. Hochstehend im räumlichen Sinn, mit interessanten Grundrissen.
Auf unserer Homepage ist dieses Projekt zu sehen. Mit dem dreiecksartigen Grundriss haben wir einen sehr interessanten Grundriss geschaffen mit drei Wohnungen pro Geschoss. Jede dieser Wohnungen absorbiert ein Drittel dieses Dreiecks. In den Spitzen des Dreiecks befinden sich jeweils die Terrassen und der Bereich für Wohnen und Essen. Ein grosszügig dimensioniertes Projekt, das überregionale Ausstrahlung erzielen wird.

„Licht ist für uns in gewisser Weise das Gewürz, die Essenz, eines Objekts.“

Bereits zwei Mal haben Sie und Ihr Team mit Kreationen zum Murten Licht-Festival beigetragen. Welche Rolle spielt Licht in Ihrer Architektur?

Die Anlässe des Licht-Festival waren für uns eine Art Fingerübung, bei der wir uns mit etwas beschäftigen konnten, das keinen direkten Nutzen erbringt. Sonst müssen wir immer sehr konkrete Projekte entwickeln und arbeiten vornehmlich mit Beton, Holz und Metall. Hier durften wir nun mit Licht, dieser immateriellen Materie, arbeiten. Licht ist auch immer das Element, das eine Stimmung auslöst und Licht kann bei einem Objekt ganz unterschiedliche Ansichten erzeugen, je nachdem, ob es von innen oder aussen, von vorne oder hinten, von oben oder von unten einfällt. Schon mit Weisslicht kann man so viele Effekte erzielen, dass man eigentlich kein farbiges Licht benötigt. Licht ist für uns in gewisser Weise das Gewürz, die Essenz, eines Objekts.

Murten Licht-Festival 2017 (Foto: Stephan Haymoz)

murtenlichtfestival.ch

Eher zurückhaltend oder eher spektakulär, wo liegen Ihre Präferenzen?

Eher zurückhaltend. Mich interessiert nicht das Provozierende. Ich bin der Überzeugung, dass sich ein Gebäude räumlich integrieren sollte in seine Umgebung, in den Kontext. Es interpretiert den Ort neu und ist dank der Materialisierung und seiner Form ein Zeuge der heutigen Zeit.

Wo finden Sie Ihre persönliche Quelle der Inspiration?

Unter anderem im genauen Beobachten des Alltäglichen. Man kann zehn Mal am selben Ort vorbeigehen mit einer Fragestellung im Kopf, z.B. für ein spezielles Dachranddetail, und plötzlich sieht man eine Lösung oder eine Situation, die man in ein laufendes Projekt übernehmen kann. Auch Fotografie, Kunst und die Natur liefern bei genauer Beobachtung immer wieder Hinweise, die man in die tägliche Arbeit integrieren kann, indem man Elemente neu zusammen setzt, wie in der Musik, oder wie es ein Regisseur bei einem Theaterstück macht.

„Wir sind überzeugt, dass regionale Partner wichtig sind für die Qualität der Umsetzung unserer Bauten.“

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Partner bei der Realisierung eines Projektes aus?

Ich bin überzeugt, dass die Region wichtig ist. Lieferanten und Unternehmen aus unserer Region haben sehr gutes Know-How, deshalb sollte man sie auch unterstützen. Im Gegenzug kann man auch Forderungen stellen in Bezug auf Qualität und Zuverlässigkeit. Wir wollen kein Preisdumping, oder Firmen, die quer durch die halbe Schweiz, oder gar durch Europa fahren, weil etwas günstiger wäre. Wir sind überzeugt, dass regionale Partner wichtig sind für die Qualität der Umsetzung unserer Bauten. Gute Qualität und Zuverlässigkeit auch im nachhaltigen Sinne ist nicht nur für uns, sondern auch für die Bauherrschaft wichtig.

Wieviel Architektur braucht der Mensch? Ist Ästhetik am Bau mehr als nur Luxus?

Ich denke, es gibt den Luxus an Raum und Oberflächenqualität und den Luxus an Dingen an sich. Wir streben den Luxus an Raum und Haptik an. Aktuell erstellen wir einen interessanten Wohnungsbau mit überhöhten Räumen einerseits und komprimierten Wohnungsbereichen andererseits. Dieser Kontrast und die Erfahrung des überhöhten Raumes lösen beim Bewohner eine besondere Stimmung aus. Es gibt Gebäude, die einem unverzüglich ein Gefühl des „Angekommenseins“ vermitteln. Man betritt sie, fühlt sich wohl und bewegt sich darin selbstverständlich. Diesen Luxus wollen wir den Menschen bieten können.

Winkelmann Architekten AG
dipl. Architekten ETH SIA FSAI
Bernstrasse 8
3280 Murten
info@winkelmann.ch
winkelmann.ch

Mehr über das Spital HFR Merlach Murten: